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Seite 2: Römisches Bad Boppard, Bodobrica Romana

Von der Innenbebauung des Kastells ist bis heute nicht allzu viel bekannt geworden, da dieses Areal bereits seit nachrömischer Zeit immer  intensiv überbaut gewesen ist. Neue Aufschlüsse hierzu haben Grabungen der Archäologischen Denkmalpflege, Amt Koblenz, seit 1989 ergeben.

Dabei konnten z.B. hinter der Westfront des Kastells drei zweischiffige Hallenbauten von 11 m Länge und 5 m Breite nachgewiesen werden. Die Längsseiten dieser Gebäude, in denen wir wohl mit Recht Mannschaftsbaracken sehen, fluchten mit der Westfront des Kastells. Ein ähnlicher Befund ergab sich auch hinter der Südfront im Bereich des heutigen Archäologischen Parks. An beiden Stellen zeigte sich deutlich, dass zwischen der Innenbebauung und der Innfront der Kastellmauer ein gleichmäßig breiter Streifen von Bebauung freigehalten war, um gefährdete Stellen der Umwehrung möglichst schnell erreichen zu können (via sagularis). Nach derzeitigen Erkenntnissen ist die gesamte Innenfläche des Kastells weit weniger regelhaft bebaut gewesen, wie das z.B. in Kastellen des 1. - 3. Jahrhunderts der Fall gewesen ist.

Das ausgedehnte Kastellbad konnte in den Jahren 1963-1966 durch H. Eiden gut untersucht werden. Die damaligen Grabungen erstreckten sich auf den Bereich des heutigen Marktplatzes vor und seitlich von St. Severus sowie nahezu im gesamten Innenbereich der Kirche. Der etwa 50 x 35 m umfassende Komplex des Bades war rheinseitig innen an die Kastellmauer angebaut. Das mächtige Gebäude, aus schiefriger Grauwacke errichtet, trug auf seiner Außenseite einen braunroten Verputz, die Fenster waren verglast und das Dach mit den üblichen römischen Ziegeln gedeckt. Die Gebäudefront orientierte sich nach Süden zur Sonne hin.

 

Durch einen korridorartigen Vorbau kann der Besucher in die Ankleideräume (Apodyterium). Dahinter lag an die Kastellmauer angelehnt ein lang gestreckter saalartiger Raum von 20 x 9 m Grundfläche. Diese rechteckige Halle, die Basilika Thermarum war wohl als Sporthalle genutzt, in welcher die Badenden gymnastische Übungen verrichteten. Östlich dieser Halle schloss sich ein apsidialer Raum an. Er hatte Fußbodenheizung und bildete einen Wärmestrom, in dem sich Badende und Sportler aufhalten konnten. Der eigentliche Badetrakt erstreckte sich nach Süden, er enthielt alle die für ein anständiges römisches Bad nötigen Räume: Kaltbad (Frigidarium), Warmbad (Caldarium) und ein Schwitzbad (Sudatorium). es wurden Kanäle für das für das Abwasser freigelegt, welches unter der Festungsmauer hindurch direkt in den Rhein abgeleitet wurde. Unmittelbar neben Turm 9 befindet sich in der südlichen Kastellflucht ein sehr sorgfältig gemauerter und wasserdicht verputzter Durchlass durch die Kastellmauer. Durch diesen hindurch gelangte das Frischwasser in das Kastell selbst und konnte von hier aus nahezu geradlinig durch einen gedeckten Kanal die Thermen versorgen. Um 406/407 fallen immer wieder germanische Stämme, am Mittelrhein die Franken, über den Rhein hinweg nach Belgien und Westgallien ein. Dabei wurden jedoch die Kastelle am Mittelrhein, so auch Bodobrica, kaum von diesen Überfällen berührt. Daher wurden ihre Besatzungen in das mobile römische Feldheer eingegliedert, und das Kastell Bodobrica war von da an ohne ausreichenden militärischen Schutz. Die Münzreihe aus dem Innern des Kastells endet mit Honorius (393-395), die Thermen dagegen wurden noch bis zum Ende der Römerherrschaft am Mittelrhein d.h. bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts benutzt, denn die Besiedlung im Kastellbereich dauerte an, wie die archäologischen Befunde deutlich zeigen.

Das Kastellbad als größter umbauter Raum innerhalb des Kastells war wegen seiner äußerst massiven Bauweise sich noch einigermaßen nutzbar erhalten. In ihm wurde zunächst wohl ein Versammlungsraum ausgebaut, der wenig später zu einer christlichen Kirche erweitert wurde. Dabei wurde die große Sporthalle der Thermen zu einschiffigen Saalkirche mit 32 m Länge und 9 m Breite ausgebaut.

Ihr schloss sich im Osten eine halbkreisförmige Apside an. Dieser apsidiale Chor lag um eine Stufe höher als das übrige Kirchenschiff. Von ihm aus erstreckte sich auf gleicher Höhe ein Ambo mit einer Breite von 1,4m und einer Länge von 6 m nach Westen in das Kirchenschiff hinein und leicht erhöht über dessen Laufniveau. An seinem Kopfende befand sich eine kanzelartige Erweiterung von 2 m Durchmesser, die wohl eine hölzerne Brüstung als Abschluss trug. Von hier aus konnte der Priester die täglichen Ansprachen an die Gläubigen halten. Ein solcher Ambo, auch Bemaß genannt, ist für das Rheintal eine Besonderheit von hoher bau- und kirchengeschichtlicher Bedeutung.

 Sonst ist eine solche Anlage aus dem oströmischen Reich bekannt. Diese frühchristliche Kirche lässt sich aufgrund eines im Inneren vor dem Westabschluss vertieft gelegenen  Taufbecken eindeutig als Taufkirche erklären.

Solche Taufanlagen sind aus dem westlichen Mittelmeerbereich und nördlich der Alpen bekannt (z.B. Trier, Köln u.a.) Die Taufanlagen selbst sind nach dem Vorbild des berühmten Baptisteriums des frühchristlichen Roms gebaut, welches bei der Lateranbasilika für die Zeit von 432-440 erwähnt wurde. Der archäologische Befund datiert die Taufkirche von Boppard mit Ambo und Baptisterium ohne Zweifel in die 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts. Ebenso sicher ist, dass die Anlage etwa 300 Jahre lang bis in die 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts genutzt wurde. Danach wurde die Kirche gründlich umgebaut und renoviert. Die originalen archäologischen Funde sind zum Teil in St. Severus noch zu besichtigen. Die Lage des Ambos ist dort im Boden des Mittelschiffes erhalten , und auch das Taufbecken liegt im Original in einem tiefergelegenen Raum unter dem Boden der Kirche.

Die frühchristliche Gemeinde bestattete ihre Toten auf einem ausgedehnten Gräberfeld südlich des Kastells im Bereich der heutigen Bahn- und Straßentrasse. Von diesem Gräberfeld sind Grabsteine überliefert, deren Inschriften einiges zum Leben der frühen Christen in Boppard aussagen. Einer der bedeutendsten Grabsteine ist der des Besontio und seiner Nichte Justiciola. Heute finden wir ihn in der Westwand von St. Servus, und seine Inschrift lautet in Übersetzung: "Hier ruhen in Frieden der selige Diakon Besontio und seine Nichte, das selige Mädchen Justiciola. Das Mädchen Justicola starb acht und der Diakon Besontio sieben Tage vor den Kalenden des Aprils (= 26. bis 28. März)" Besontio leitete als Diakon im 5. Jahrhundert frühchristliche Gemeinde von Boppard und muss wohl des öfteren von dem Ambo aus zu dieser gepredigt haben. Neben ihm ist ein weiterer christlicher Priester namens Nonnus bekannt. Die Genannten dürften wohl zu der romanisierten einheimischen Bevölkerung gehört haben, die sich nach dem Fall des römischen Reiches über ganz Gallien und die Rheinprovinzen ausgedehnt hatte

Das genannte frühchristliche Gräberfeld "Im Proffen" erstreckt sich bis unmittelbar vor die Südkurtine des römischen Kastells. Die Ausschachtungsarbeiten für ein ursprünglich auf der Südfront zwischen den Türmen 8 und 9 im Bereich des ehemaligen "Stierstalles" geplanten Parkhauses erlaubten ausgedehnte archäologische Untersuchungen. Dabei wurden außen um die Türme 8 und 9 gruppierte Grablegen des 7. - 8. Jahrhunderts und freigelegt. Die hier Bestatteten waren bereits christianisiert und daher ohne Beigaben beigesetzt. Lediglich in diesen Gräbern gefundene Trachtbestandteile erlauben eine Datierung in die 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts und weisen die Toten als zur fränkischen Bevölkerung gehörend aus. Grab 9 unmittelbar am Sockel von Turm 9 gelegen enthielt die Bestattung einer eichen und wohl sozial hervorgehobenen Frau. Durch die sorgfältige Ausgrabung konnte nachgewiesen werden, dass die Tote auf einer Lage oder Streu von Buchsbaumblättern lag., ein deutliches Zeichen für christliches Brauchtum, das auch heute noch geweihte Buchszweige kennt. Neben dem silbernen Schmuck der Toten ist vor allen Dingen eine um die Hälfte geschlungenen Kette mit Schlüsseln aus Bronze bemerkenswert. Solche Amulettschlüssel kennt die katholische Kirche in späteren Jahrhunderten als "Petrusschlüssel.

 

Drei der insgesamt mehr als 40 ausgegrabenen Grabgruben sind im Archäologischen Park im Original erhalten und in einer die lebensgroße Rekonstruktionszeichnung der reichen Frauenbestattung aus Grab 8.

Aus einem weiteren sicherlich sehr eich ausgestatteten Grab, das leider bereits antik völlig beraubt wurde, ist lediglich noch ein goldener Fingerring bekannt geworden. Dieser Ring mit einem christlichen Kreuz, sowie einem ebenfalls in den Kreis christlicher Symbole gehörenden langbeinigen Vogel, der gerade einen Fisch im Schnabel hat, ist ein weiteres Indiz für die Existenz der frühchristlichen Gemeinde in Boppard. Die ungebrochene Kontinuität der christlichen Gemeinde in Boppard beginnend mit dem 5. Jh. wird auch unterstrichen durch den Fund des Grabsteines der Fredoara, welcher in tertiärer Verwendung bei der Freilegung der Gräbergruppe um Turm 9 gefunden wurde. Dieser Stein datiert ohne Zweifel in der 6. Jahrhundert und verbindet somit zeitlich die frühchristliche Kirche unter St. Serverus mit den vor der Südkurtine zwischen Turm 8 und 9 freigelegten Gräbern des 7. bis frühen 8. Jahrhunderts.

 

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